Warum sich langsam Standardsoftware bei Versicherern durchsetzt
Immer mehr Versicherer führen Standardsoftware für ihre Bestandssysteme und Schadensysteme ein, um zu standardisieren und Kosten zu senken

Warum sich langsam Standardsoftware bei Versicherern durchsetzt

Noch vor wenigen Jahren waren die IT-Anwendungslandschaften der deutschen Versicherer geprägt von selbst entwickelter Software, doch sukzessive tauschen immer mehr Versicherer ihre eigenen Bestandsführungs­systeme gegen Standardsoftware aus. Woher kommt dieser Gesinnungswandel?

IT-Einheiten von deutschen Versicherungsunternehmen können sich in Größe und Wertschöpfungstiefe ohne Weiteres mit etablierten IT-Dienstleistern messen. Eine große drei- bis tlw. vierstellige Anzahl an Mitarbeitern kümmert sich darum, dass IT-Infrastruktur und Anwendungen bereitstehen, um Policen verkaufen und verwalten sowie Schadenmanagement betreiben zu können. Viele Versicherer gönnen sich immer noch den Luxus solch großer IT-Einheiten.

Versicherungsprodukte sind (doch) Commodity

Nicht unschuldig daran sind die Geschäftsbereiche selbst, die ihre Versicherungsprodukte sowie Geschäftsprozesse als ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal betrachteten. Die eigenen Policen sollten sich bewusst vom Marktstandard unterscheiden, um sich von anderen Versicherern abzuheben und damit für Kunden attraktiver zu sein. Diese Individualität musste natürlich auch von der IT abgebildet werden, und so ist es kein Wunder, dass man auf Individualsoftware setzte, die inhouse entwickelt und betrieben wurde.

Doch nicht zuletzt die zunehmende Bedeutung der Vergleichsportale zeigte, dass sich der USP beim Verkauf einer Versicherung weniger aus speziellen Tarif-Features als durch einen günstigen Preis, einer bekannten Marke und ggf. einem guten Service ergibt. Zumindest bei einfachen Versicherungsprodukten für Privat- und Gewerbekunden sind die Produktmerkmale inzwischen so standardisiert, dass ein Abheben vom Markt durch das Produkt selbst kaum mehr möglich ist.

Ergänzend wurden ab dem Jahr 2006 mit der Einführung und kontinuierlichen Fortentwicklung der BiPRO-Normen die Geschäftsprozesse zwischen Versicherern und Maklern standardisiert, so dass sich Versicherer nun auch an den Außenschnittstellen immer mehr angleichen.

Kostendruck hilft bei der Standardisierung

Unterstützt wurde der Erkenntnisprozess durch einen enormen Kostendruck, dem die Versicherer nicht erst seit der Finanzkrise und der nachfolgenden Niedrigzinsphase ausgesetzt waren. Dies erhöhte die Bereitschaft der Geschäftsbereiche signifikant, sich bei Prozessen und Produkten auf Vereinheitlichungen einzulassen. So wurden neue, standardisierte Betriebsmodelle eingeführt und damit Kosten im Operations-Bereich gespart.

Parallel wurde die IT gezwungen, ihre Kosten zu senken. Erster Ansatzpunkt war hierbei der teure Eigenbetrieb der Infrastruktur. Rechenzentren wurden zusammengelegt und nach Klärung rechtlicher Rahmenbedingungen konnte der Betrieb auch von externen IT-Dienstleistern übernommen werden. Nach Schaffung der Virtualisierungs-Voraussetzungen wagten einige Versicherer sogar den Schritt in die Cloud. Die mit der Auslagerung einhergehende Einführung einer State-of-the-Art-Infrastruktur erleichterte im Folgenden weitere Standardisierungsschritte in der IT.

Standardsoftware erreicht nötige Anzahl an Referenzen

Die Einführung von Standardsoftware ließ allerdings noch etwas auf sich warten. Zunächst standen Querschnittssysteme wie HR, In-/Exkasso oder Provisionierung im Fokus, auch weil damit keine geschäftskritischen Funktionen angefasst wurden.

Doch viele Fachbereiche hatten lange Zeit nicht den Mut, ihre Bestandsführungs-, Schaden- und Vertriebssysteme gegen Standardsoftware auszutauschen, auch weil die Anbieter nur wenige erfolgreich laufende Instanzen vorweisen konnten. Erschwerend kam hinzu, dass die Applikationen meist mit umfangreichem Customizing eingeführt wurden, weil die Standards des Softwareprodukts nicht übernommen wurden.

So ist es keine Überraschung, dass die ersten Versuche der Einführung von vermeintlich standardisierten Lösungen für Schadenmanagement und Bestandsführung sowohl für den Versicherer als auch für den IT-Dienstleister mit erheblichen Budget- und Zeitüberschreitungen endeten.

Doch inzwischen haben sich mehrere Anbieter von Standardsoftware am Markt etabliert, die Lösungen mit einer ausreichenden Anzahl an Referenzen vorweisen können und umfangreichere Erfahrungen mit Einführung und Betrieb ihrer Systeme haben. Damit sinkt das Risiko für Versicherungsunternehmen, sich auf das Experiment Standardsoftware einzulassen, erheblich.

Entwickler-Skills werden knapp

Neben der Einsparung von Kosten bei IT und im Versicherungsbetrieb gibt es ein weiteres schlagendes Argument, die Einführung von Standardsoftware zu beschleunigen: Die Entwickler, die die alten Programmiersprachen der eigenen Systeme aus den 80er-Jahren wie z.B. Cobol beherrschen, gehen langsam in Rente. Wenn die alten Legacy-Systeme nicht bald abgelöst werden, müssen gegebenenfalls Entwickler aus dem Ruhestand zurückgeholt oder sehr teuer von extern eingekauft werden. Nur so wäre die Stabilität der Anwendungen sicherzustellen.

Auch funktional sind die Eigenentwicklungen am Ende ihres Lebenszyklus angelangt und nicht flexibel genug, um die Features bereitzustellen, die heute am Versicherungsmarkt erforderlich sind. So benötigt die Einbindung von Partnern z.B. für Assistance-Leistungen oder IoT-basierte Versicherungsprodukte in Verbindung mit Smart Home, Telematik oder eHealth eine andere, offene Architektur, die mit den monolitischen Eigenentwicklungen nicht so einfach umsetzbar ist.

Die Zukunft der Standardsoftware: IoT, Open Source und SaaS

Doch auch die derzeit am Markt befindliche Standardsoftware im Bereich Bestandsführung und Schadenmanagement beinhaltet oftmals noch nicht die für IoT und Kooperationen mit Partnern erforderlichen Features. Dies könnte ein entscheidendes Differenzierungsmerkmal für die Softwareanbieter werden.

In diesem Zusammenhang lässt ein Vorstoß der Allianz aufhorchen: Der Versicherer will den Code seines ABS („Allianz Business System“) über eine Stiftung als Open Source der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Das Kernprodukt sowie das sogenannte Country Layer sollen dann von einem Verein, der auch für andere Mitglieder offen ist, weiterentwickelt werden. Die Unternehmensspezifika werden im Customer Layer abgebildet.

Ganz uneigennützig ist das Vorhaben allerdings nicht, denn für die Entwicklung der Funktionen des Customer Layers werden Lizenzgebühren fällig. Außerdem soll ein Markplatz etabliert werden, über den weitere Unternehmen zusätzliche Services wie Scannen von Eingangspost oder eine Plattform für Makler anbieten können. Wer einen solche App-Store verwaltet, hat besten Einblick in das sich um Versicherungen herum entwickelnde Ökosystem neuer digitaler Leistungen und kann vermutlich auch noch Lizenzgebühren kassieren.

Insbesondere für kleinere Versicherungen, die sich große IT-Transformationsprogramme zur Einführung neuer Bestandsführungssoftware nur schwer leisten können, ist eine Open-Source-Lösung sicher eine interessante Option. Und wenn die SaaS-Varianten der IT-Anbieter einen hinreichenden Reifegrad haben, stellt sich für Versicherer ohnehin die Frage, warum sie ihre Kernanwendungen noch selbst betreiben.

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