Open Insurance ist noch ein Randthema

Warum Versicherer einen offenen Architekturansatz benötigen

Open Insurance ist noch ein Randthema

Die gesamte Finanzwelt spricht über Open Banking, während Open Insurance eher ein Randthema ist. Eine Ausnahme bildet allenfalls der Kommunikationsstandard BiPRO für Makler. Dabei können sich Versicherer bei einer steigenden Anzahl an Kooperationspartnern und InsurTechs mit standardisierten Schnittstellen einen klaren Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Open Banking – Standardisierte Banking-Schnittstellen werden zur Regel

Open Banking ist nicht zuletzt seit der PSD2-Richtlinie der Europäischen Union ein häufiges Gesprächsthema in der Financial-Services-Welt. Es bedeutet, dass Banken ihre Schnittstellen offen legen, um Kunden- und Transaktionsdaten standardisiert mit anderen Finanzdienstleistern, FinTechs und Geschäftspartnern auszutauschen oder Services öffentlich bereitzustellen.

Der Vorteil von Open Banking ist eine erhöhte Prozesseffizienz, gesteigerter Wettbewerb und Förderung von Innovationen. Dies soll letztendlich dem Kunden zu Gute kommen, der Banking-Services zukünftig billiger und einfacher nutzen oder durch zusätzliche Services z.B. von FinTechs profitieren kann.

Technische Grundlage für den Datenaustausch ist ein sogenanntes Application Programming Interface (API), das die Schnittstelle und seine Eigenschaften beschreibt. Dies beinhaltet auch eine Festlegung des Datenschutzes und der Möglichkeit zur Dokumentation der Datenfreigaben, die die jeweiligen Dateneigentümer erteilen können.

Versicherer konzentrieren sich auf Standardisierung der Makler-Schnittstellen

Auch Versicherungen beschäftigen sich mit dem Open-Gedanken und haben zusammen mit Vermittlerorganisationen und IT-Dienstleistern die „Brancheninitiative Prozessoptimierung e.V.“ (BiPRO) gegründet.

Auf Basis vom GDV definierter Standards werden standardisierte Schnittstellen für eine kostengünstige und effiziente Maklerkommunikation für zahlreiche Geschäftsvorfälle definiert. Damit können Kunden- und Vertragsdaten über eine sichere Punkt-zu-Punkt-Kommunikation online ausgetauscht werden.

Open Insurance schafft Wettbewerbsvorteile

Letztendlich antwortet BiPRO allerdings nur auf die Herausforderungen des letzten Jahrzehnts, nämlich das wachsende Maklergeschäft. Inzwischen hat sich die Versicherungswelt aber weitergedreht: Versicherer entwickeln sich zunehmend von Produkt- zu Serviceprovidern und verändern damit teilweise ihr Geschäftsmodell.

Dies erfordert eine zunehmende Vernetzung mit Assistance-Dienstleistern wie KFZ-Werkstattverbünden und Security-Unternehmen. Außerdem werden Services von Partnerunternehmen aus der Automobil-, Energie-, Gesundheits- oder Telekommunikationsbranche integriert. Und schließlich kommen immer mehr InsurTechs auf den Markt, die entweder als Makler fungieren oder ebenfalls Services in Richtung Kunde oder Versicherer anbieten.

Wenn Versicherer in technischer und prozessualer Hinsicht einfach Kooperationen eingehen können, sind sie ein attraktiver Partner und damit klar im Vorteil gegenüber Konkurrenten. Versicherer, die Open Insurance umsetzen, können ihre Rolle in digitalen Ökosystemen flexibel anpassen. Denn sie sind in der Lage, Kunden-, Vertrags- oder Servicedaten standardisiert mit verschiedenen Partnern austauschen.

Die Implementierung individueller Schnittstellen mit eigenen SLAs für jeden Partner ist allerdings nicht zu bewältigen, dies ist schlichtweg zu aufwändig, u.a. weil ein bilaterales Aushandeln von Daten- und Prozessstandards sehr lange dauert. Versicherer können sich derzeit die zwangsläufig durch den Bau solch redundanter Systemkomponenten entstehenden hohen Kosten nicht leisten.

Moderne API-Konzepte verfolgen daher den Ansatz „Open API“ bzw. „Public API“. Diese APIs sind öffentlich zugänglich und damit explizit auf mehrere Nutzer ausgerichtet. Damit spart sich der Versicherer die Implementierung bilateraler Schnittstellen.

Offene Architektur große Herausforderung

Es bleibt Versicherern also keine andere Wahl als ihre Systemarchitektur so umzubauen, dass Kooperationspartner wie z.B. InsurTechs flexibel über solch standardisierte APIs „andocken“ können. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn etablierte Versicherer können nicht eine serviceorientierte Architektur auf einer grünen Wiese aufbauen, sondern müssen weiterhin ihre Legacy-IT und ‑Prozesse bedienen.

Unter gegebenen Voraussetzungen ist daher ein möglicher Ansatz, die bestehende Systemlandschaft durch einen Enterprise Service Bus (ESB) zu kapseln und über den ESB sukzessive mehr APIs anzubieten. Die darunter liegenden Anwendungen werden dann schrittweise – je nach aktuellem Bedarf – in wiederverwendbare Komponenten (Services bzw. Micro-Services) aufgeteilt und an den ESB angebunden.

Ein schöner Nebeneffekt von (Micro-)Services ist außerdem, dass deren APIs nicht nur von externen Partnern, sondern auch von internen Systemen genutzt werden können. Damit wird die Architektur gesamthaft zukunftsfähig umgebaut, und auch versicherungsinterne Weiterentwicklungen sind flexibler und effizienter möglich.

Verschiedene Parteien sind einzubeziehen

Ein Architekturumbau dieses Ausmaßes ist – auch wenn er sukzessive erfolgt – eine große Herausforderung für etablierte Versicherungen. Damit ein solches Vorhaben überhaupt angestoßen werden kann, muss der Input verschiedene Stakeholder zu unterschiedlichen Themen berücksichtigt werden:

  • Spartenvorstände: Geplante Entwicklung der Geschäftsmodelle und Produkte
  • Chief Digital Officer / CDO: Digitalisierungsstrategie, neue Produkte und Services
  • Vertriebsvorstand / CSO: Vertriebsstrategie
  • Betriebsvorstand / COO: Auswirkungen auf Bearbeitungsprozesse und Effizienzgewinne, Multikanalstrategie
  • IT-Vorstand / CIO: Entwicklung der IT-Anwendungs- und Infrastrukturlandschaft
  • Fach- und IT-Architekten: Status Quo und Zielbild der fachlichen und technischen Architektur

Die meisten Versicherer optimieren derzeit eher ihre Kosten und haben daher wenig Bewegungsspielraum für strategische Weiterentwicklungen, insbesondere wenn es um vermeintliche Brot- und Butter-Themen wie Architekturmanagement geht.

In jedem Fall haben Versicherer keine andere Wahl als sich jetzt über Open Insurance Gedanken zu machen. Andernfalls wird der Bau individualisierter Schnittstellen die Kosten weiter in die Höhe treiben, und die steigende Komplexität der Architektur wird die Handlungsspielräume immer weiter einschränken.

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